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Laudatio für den 1. Gewinner des Quirinus-Kuhlmann-Preises für versehentlich komische Literatur
Liebe Freundinnen und Freunde der versehentlich komischen Literatur!
Wir haben einen neuen Literaturpreis aus der Taufe gehoben. Es handelt sich, wie einige von Ihnen bereits wissen, um den Quirinus-Kuhlmann-Preis für versehentlich komische Literatur.
Ziel des Preises ist es, die mutigen und wackeren Vertreter des oftmals unterschätzten oder gar denunzierten Genres der versehentlichen Komik endlich einmal angemessen zu würdigen. Auch versehentliche Komik ist ja bei Licht betrachtet oft sehr lustig und daher sollte sie keineswegs mit ärgerlichem Abwinken in den Orkus des Vergessens gekickt, sondern ganz im Gegenteil freundlich und freudig begrüßt werden.
Bevor wir nun gleich zum ersten Träger des Quirinus-Kuhlmann-Preises für versehentlich komische Literatur kommen, soll dem Feld der Geschlagenen beim großen Kuhlmann-Filmchen-Poll die gebührende Ehre erwiesen werden:
Nicht durchsetzen in der Gunst des Publikums konne sich Andreas Bornhäußer mit seinem so vielversprechend betitelten Beratungswerk „Präsentainment“, vielleicht auch, weil in der Exot-Präsentation des Buches auf die zahlreiche Tipps der Bornhäußerschen Präsentainment-Company gepfiffen wurde.
Keine Chance hatten auch die beiden Überflieger und Werbehansdämpfe Holger Jung und Jean Remy von Matt mit ihrem Mitarbeiter-Ertüchtigungsband „Stimmen aus dem Aquarium“. Zwar wurde hier mit einem Format von ca. 1/3 Quadratmeter bei 20 Stück Erbauungsskurzprosa, 43 Penisabbildungen und 29.90 Euro Festpreis dem vermeintlich bereits ausgereizten Spannungsfeld zwischen Form und Inhalt eine neue Dimension abgewrungen, doch gereicht hat's nicht.
Vergeblich auch die schillernde Absurdität, die das Werk „Und plötzlich schaust Du bis zum lieben Gott. Die zwei Leben des Horst Lichter“ des aalglatten Fernseh-Conferenciers Markus Lanz umstrahlt wie ein Heiligenschein aus radioiaktiven Leuchtkörpern.
„Nicht unter den ersten drei“ hieß es schließlich für Meinhardt Graf Nayhaußens Erinnerungsbildband „Denk ich zurück an Bonn“ trotz der darin vielfach belegten großen Männerfreundschaften des Autoren mit Willy Brandt, Walter Scheel und Horst Ehmke. Dem Grafen wurde wohl einfach sein eher kühles Verhältniss zu Helmut Schmidt zum Verhängnis.
Mit Platz drei zufrieden geben musste sich der sonst so erfolgsverwöhnte US-Amerikanische Schundromanautor und Druidinnen-Jäger Clive Cussler, obwohl, oder vielleicht gerade weil in seinem Wälzer „Die Troja-Mission“ eben jene rothaarigen Druidinnen ganz Nicaragua heimlich mit einen riesigen Tunnelsystrem durchbohrten, um so mittels Umleitung des Golfstroms den Untergang des Abendlandes herbeizuhexen. Ebenso vergeblich wie das Bohren der Zauberinnen war am Ende jedoch die Hoffnung Cusslers, sich dem Kuhlmann Preis ins Regal stellen zu dürfen.
Zu guter Letzt sollen, müssen und wollen wir noch Yasmina Khadra erwähnen. Das weibliche Alter Ego des algerischen Autoren Mohammed Moulessehoul lieferte sich mit „Die Attentäterin“, einem Roman über das eigentlich sehr ernste Thema Selbstmordattentate ein Kopf-an Kopf Rennen mit unserem Preisträger. Die versehentliche Komik entfaltete sich hier vor allem in den Dialogen des Werkes. Den Palästinakonflikt mit den erzählerischen Mitteln des Ohnsorg-Theaters nahegebracht zu bekommen, könnte den Zynismus unseres Publikums jedoch knapp überfordert haben, so dass es letztendlich für Yasmina Khadra nur zum 2. Platz reichte.
Nun aber zu dem Werk, dem die Menschen erstmalig den Quirinus Kuhlmann-Preis für versehentlich komische Literatur verliehen haben:
„Berliner Orgie“ von Thomas Brussig.
Brussig, Autor der Bestsellerromane „Helden wie wir“, „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ und „Wie es leuchtet“ hat sich im Jahr 2006 von der Berliner Boulevardzeitung BZ für eine Serie von Reportagen im Rotlichtmilieu der beliebten Preußenmetropole engagieren lassen. Mit gespielter Unlust räumt er zunächst ein, keinen Schimmer vom Thema zu haben, begibt er sich dann aber dennoch ans Werk und hat sofort etwas zu bemängeln: „Es ist etwas an der Prostitution, dass ich, ganz altmodisch, nicht richtig finde: Mich stört, dass es über das Geld läuft“
Obwohl Brussigs Exot-Videopate Anselm Neft nun die aus seiner Sicht berechtigte Frage stellte, was denn an dieser Aussage versehentlich komisch sein solle, er selber habe sich auch schon oft darüber geärgert, dass diese Frauen auch noch Geld wollten, statt sich mit einer Tüte Gummibärchen oder einmal Vergaser-Neu Einstellen zufrieden zu stellen, bekam Brussig die meisten Stimmen.
Vielleicht, weil man sich fragte, warum sich ein so erfolgreicher und weithin geschätzter Autor wie Brussig von einem so offensichtlich üblen Organ der Bosheit und Niedertracht wie der Springer-Zeitung BZ zu Reportagen in einem dermaßen mit Fettnäpfen verminten Gebiet wie dem Berliner Rotlicht-Milieu verleiten lässt. Hat er eine Wette verloren? Ist er irgendwo bei irgendetwas erwischt worden? Zum derartigen Spekulationen bleibt kaum Zeit, denn bereits auf Seite 11 liefert der Autor die Antwort:
„Warum mach ich es trotzdem? (....) Weil ich diese Welt nicht kenne. Weil mich die Frauen interessieren. Weil mich meine Ahnungslosigkeit beschämt. Weil all die Stile der Prostitution ja auch Ausdruck sind für vagabundierende Leidenschaften, Sehnsüchte, Begierden und Wünsche.“
Aus nicht ganz so hehren Beweggründen „machen es“ Brussigs Studienobjekte, für die er sich zunächst die freundliche Bezweichnung „Bordsteinflamingos“ ausdenkt : Nach 48 Seiten Recherche ist jedoch erst mal Schluss mit Nachsicht: „Der Mann kriegt nicht, was er will“, merkt der kritische Gender-Ethnologe an. „Er bekommt ein Spektrum von Möglichkeiten angeboten, mit dem er sich zufrieden geben muss. Es ist nicht der Mann der die Regeln macht. Sinnfälligster Ausdruck dieser Verhältnisse ist das Kondom, und wenn Morgen die Aids-Spritze auf den Markt käme, mit der sich die Krankheit ebenso wegimpfen ließe wie der Tripper – die Kunden der Prostitution müssten weiter Kondome benutzen. Mit dem Kondom halten sich die Huren ihre Kunden vom Leibe, wenn auch nur um Bruchteile von Millimetern. In einer Sphäre, in der es genau darum geht – für möglichst viel Geld möglichst wenig zu bieten – ist das Kondom ein nicht mehr wegzudenkendes Utensil.“
Soweit Brussig, der im weiteren Verlauf mannigfaltige Quellen der versehentlichen Komik anzapft. Einmal, als er mit einem russischen Freund in einem Etablissement namens „Lustgarten“ recherchiert, entdeckt er zu seiner Verblüffung, dass eine der Huren, sie ist auch Russin, sogar „Schuld und Sühne“ von Dostojewski kennt. „Das ist ja ein Zufall, sage ich, du redest von Dostojewski und ich lese gerade die Brüder Karamasow!“ Dies ist für Brussig ein „unerwarteter, magischer Höhepunkt“ des Abends, denn wer hätte das gedacht, das ein paar von diesen Biestern sogar dazu in der Lage sind, sich mit einem gebildeten Mann wie ihm über Literatur zu unterhalten. Wenig später aber wieder: „Sonja will mit mir aufs Zimmer. Ich nicht.“
Genau hier jedoch liegt der eigentliche, kühne Wurf von versehentlicher Großkomik verborgen: Brussig geht nicht mit auf Zimmer. Das habe er seiner Frau versprochen, wie er nach über hundert Seiten in einem Nebensatz kleinlaut zugibt. Nicht die kondomschwingenden Huren halten sich ihn vom Leib, es ist genau anders herum: Ein zwielichtige Flaneur strolcht inkognito durch die Hotspots der Berliner Halbseide, mokiert sich hier über die mangelnde Knackigkeit des Personals und knausert dort beim Champagner. Wenn man nun noch mit in Betracht zieht, dass er damit angibt, nach zaghaften Anfängen den halben Stiefel inclusive Recherche innerhalb von einer Woche heruntergeschrieben zu haben, wird es noch deutlicher: Hier bewegt sich einer in einer Sphäre, in der es darum geht, für möglichst viel Geld möglichst wenig zu bieten. Es ist ja durchaus etwas am Literaturbetrieb, dass man ohne weiteres mal ganz konservativ nicht richtig finden kann. Es läuft immer übers Geld.
Ein überheblicher Meckerpott, der knausernd durch die Berliner Puffs schlawienert und sich darüber mokiert, dass es für 70 Euro nicht dass versprochene „volle Programm“ gibt, und dabei in aller Heimlichkeit Nacht für Nacht einen Tausender nach dem anderen an voyeuristischem Mehrwert bei den ahnungslosen und daher meist sogar recht freundlichen Sexarbeiterinnen abgreift, wäre an sich schon ein würdiger Träger des Quirinus-Kuhlmann-Preises für versehentlich komische Literatur. Der wichtige Aspekt der Versehentlichkeit erfüllt sich jedoch erst durch die unerschütterliche Selbstsicherheit, die den Autoren davor bewahrt, die haarsträubende und einer BZ-Aktion würdige Unverschämtheit seines Treibens auch nur ansatzweise zu erahnen.
Ein anderer überheblicher Meckerpott, wenn auch von etwas epochalerem Kaliber, war unser Preispatron und rechtmäßiger Kühlmonarch, der Dichter und Prophet Quirinus Kuhlmann, der 1689 als Märtyrer der versehentlichen Komik in Moskau den Feuertod erlitt. Ein Vierzeiler Kuhlmanns, der dessen 55 Kühlpsalm aus dem Jahr 1680 einleitet, soll hier dem puren Erstaunen Ausdruck verleihen, dass sich angesichts eines literarischen Husarenritts wie der Berliner Orgie von Thomas Brussig des Betrachters bemächtigt.
„O wunderbares Gottesleiten
Ach unerforschlichs Vorbereiten
O überseltne Führungsart
Di mit Vernunnft sich nicht verpaart“
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.
Olaf Guercke für die Redaktion des Exot-Magazins
EXOT - (www.exot-magazin.de) - Kontakt: redaktion@exot-magazin.de
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