|
"Wo ist das Land der Dichter und Denker?"
18 Fragen an die Redaktion der niederländischen Literaturzeitschrift "Nymph"
"Nymph" ist eine vierteljährlich erscheinende Literaturzeitschrift im Taschenbuchformat, die vom Amsterdamer Verlag Uitgeverij 521 herausgegeben wird. Schwerpunktmässig kümmert man sich in erster Linie um junge, unveröffentlichte Autoren, "Nymph" wird in einer Auflagenhöhe von 400 Stück zum Preis von 5 Euro in Buchhandlungen oder per Abonnement verkauft.
Klaas Tigchelaar befragte die Redakteure Martien Bos, Niels Carels, Janneke Jonkman und Vincent Schmitz per eMail nach ihren Ansichten, Visionen und Einschätzungen als Redakteure in der Nischensparte "Literaturzeitschrift", auch im Hinblick auf die literarisch-kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden.
|
Was für einen Nutzen hat es Eurer Meinung nach für einen Verlag wie "Uitgeverij 521", eine Literaturzeitschrift wie "Nymph" zu unterhalten?
Wie wird Nymph finanziert?
Wie ist die Zeitschrift entstanden, wie lange gibt es Nymph schon?
Was gibt Euch die Motivation, vier Mal im Jahr eine 65-seitige Zeitschrift zu realisieren?
Gibt es Reaktionen oder Rücksprache? Nimmt man in der Presse von Euch Notiz?
In Deutschland gibt es lediglich eine Handvoll relevanter Literaturzeitschriften. Wieviele Literaturzeitschriften werden schätzungsweise in den Niederlanden im Moment verlegt? Warum sind es Eurer Meinung nach so viele mehr als z.B. in Deutschland, obwohl hier dreieinhalbmal mehr Menschen leben?
Sind das größtenteils etablierte Zeitschriften, oder herrscht ein stetiges Kommen und Gehen auf dem Markt?
Aber wieso sind es in den Niederlanden so viele?
Gibt es in den Niederlanden eine Strömung, die vergleichbar ist mit der der deutschen Pop-Literatur? Literatur also, die mit ihrer oberflächlichen Eitelkeit und der Abkehr von politischen, philosophischen und übrigen traditionellen Inhalten der Erzählgeschichte ein Abbild der Generation zwischen 16 und 26 zu schaffen versucht?
Niels beklagt sich in "Nymph" über das Verlottern der niederländischen Literatur. Ist dies auch erkennbar in der niederländischen Gesellschaft, dem Sprachgebrauch und dem Umgang miteinander? Ich kriege manchmal den Eindruck, wenn ich ab und an die Tageszeitung "De Telegraaf" (niederländische Boulevardzeitung, die Red.) zu lesen kriege. Hat das vielleicht mit einander zu tun?
Glaubt ihr, daß das kommerzielle Fernsehen eine mögliche Verlotterung fördert?
In Deutschland genießen niederländischen Autoren wie Mulisch, Nootebom, de Moor etc. große Aufmerksamkeit. Wie sieht es in den Niederlanden mit deutscher Literatur dieses Jahrhunderts aus (irgendwo erwähnt ihr z.B. mal Patrick Süskinds "Das Parfüm")? Gibt es in den Niederlanden Interesse an deutscher Literatur?
Zu dritt besprecht Ihr in jeder Ausgabe in der Rubrik "Spraakwater" (Brabbelwasser) eine handvoll Neuerscheinungen. Ist dieser Dialog ein authentisches Protokoll oder wird das Ganze im nachhinein gekürzt und optimiert, so daß es an Unterhaltungswert gewinnt? Zum Beispiel besteht Niels Beitrag zur Diskussion über "Braaf Meisje" (Braves Mädchen) von Saskia Profijt fast ausschließlich aus dem Anführen von Textstellen, in denen jemand heult, was in jedem Fall - gewollt oder ungewohnt - gewisse komische Qualitäten besitzt.
Beim Lesen von Nymph, speziell des Editorials, bekommt man den Eindruck, daß ihr euch als Redaktion, ziemlich "einsam" fühlt, im Bezug auf das Ansehen, welches die Tätigkeit des Schreibens/Verlegens von Literatur, speziell im Umfeld der Generation zwischen zwanzig und dreissig hat.
Besteht Kontakt zwischen "Nymph" und anderen Literaturzeitschriften?
Anhand welcher Kriterien werden die Autoren für Nymph ausgesucht?
Für welche niederländischen Autoren konnte sich die Redaktion in letzter Zeit begeistern?
Wie lange wird es "Nymph" noch geben, wie lange macht Ihr noch weiter?
Das Interview wurde im Dezember 2002 in niederländischer Sprache geführt und anschließend übersetzt.
Was für einen Nutzen hat es Eurer Meinung nach für einen Verlag wie "Uitgeverij 521", eine Literaturzeitschrift wie "Nymph" zu unterhalten?
Martien Bos: Was natürlich für alle Verlage gilt, die eine Literaturzeitschrift unter ihre Obhut nehmen, gilt auch für "Uitgeverij 521": Es ist eine Möglichkeit, an neue Autoren heranzukommen und es ist nicht schlecht für das Cachet eines Verlags.
Wie wird Nymph finanziert?
Martien: Das ist wohl eher eine Frage an die Herausgeber, aber ich glaube, ich liege nicht ganz falsch, wenn ich sage: Durch eigenes Kapital von "Uitgeverij 521", durch Einkünfte aus Abonnements, durch den Einzelverkauf oder durch eine sporadische Anzeige.
Vincent Schmitz: Bevor wir einen Verlag hatten, haben wir alles selber bezahlt. Der Betrag, den die eine Ausgabe einbrachte, bestimmte die Auflage der nächsten Ausgabe. Heute liegt die Finanzierung jedoch ganz in der Hand von "Uitgeverij 521".
Wie ist die Zeitschrift entstanden, wie lange gibt es Nymph schon?
Vincent: "Nymph" wurde 1990 von Niederlandistikstudenten der "UvA" (Universiteit van Amsterdam) gegründet, unter anderem um Kurzgeschichten und Gedichte von Studenten zu veröffentlichen. Seit 1999 ist "Nymph" strikt literarisch, wir halten jetzt auch außerhalb der Amsterdamer Studentenkreise Ausschau. Seit 2000 werden wir von "Uitgeverij 521" verlegt. Ich persönlich bin seit 1996 dabei. Diesen Monat ist die letzte, vierte Ausgabe des 13. Jahrgangs erschienen.
Niels Carels: Vor ungefähr vier Jahren hat die Redaktion beschlossen, sich von der Uni und dem Studiengang Niederlandistik abzusondern, um ein größeres Publikum ansprechen zu können. Vorher wurde die Zeitschrift fast ausschließlich mit Beiträgen der Redaktion vollgeschrieben, danach haben wir unser Augenmerk auf talentierte, noch unveröffentlichte Schriftsteller gerichtet - mit viel Erfolg: Neben Janneke Jonkman und meiner Wenigkeit haben schon drei andere "Nymph"-Autoren ihr Debüt bei (großen) Verlagen herausbringen können, eine Handvoll Autoren führt Vertragsverhandlungen.
Was gibt Euch die Motivation, vier Mal im Jahr eine 65-seitige Zeitschrift zu realisieren?
Janneke Jonkman: Wir sind die einzige Literaturzeitschrift in den Niederlanden, die sich ausschließlich auf unerfahrene, aber talentierte Autoren konzentriert und auch versucht, diese Autoren anzuregen. Wir verschicken keine Standardabsagen, sondern Antworten mit aufbauender Kritik. Es ist nicht unsere Absicht, bereits bekannte Autoren zu veröffentlichen; wir wollen wirklich eine Bühne für zukünftige Schreiber bieten, die eine Chance wie diese gebrauchen können.
Niels: Letzen Endes wollen wir uns in den Geschichtsbüchern verewigen. Nicht sosehr als literarische Strömung, sondern eher als eine Institution, die viel für junge Autoren getan hat. "Nymph" steht für neue, frische Literatur von hoher Qualität, es soll dabei aber immer noch genug Platz für Verbesserungen, Humor und Polemik bleiben.
Martien: Laut Pierre Bourdieu* machen wir das, um uns von unseren Mitmenschen zu unterscheiden. Indem wir ein Spieler auf dem literarischen Feld werden, erwerben wir Macht und Ansehen von ebenso ambitionierten aber weniger initiatorischen Jugendlichen. Diesen künstlichen Klassenunterschied finden wir dermaßen wichtig, daß wir tatsächlich bereit sind uns vergeblich abzumühen. - Bourdieu wird wohl recht haben, aber ich persönlich finde es dennoch wunderschön, dies zu tun. Es ist schwierig zu erklären.
Vincent: Ich stimme Janneke vollkommen zu, möchte aber hinzufügen, daß - wie Martien es so treffend formuliert hat - ein sicherer Statusaspekt eine Rolle spielt. Ich persönlich finde es ziemlich cool, eine schöne Zeitschrift zu machen, die den Anfang für diverse literarische Karrieren darstellt.
Gibt es Reaktionen oder Rücksprache? Nimmt man in der Presse von Euch Notiz?
Janneke: Ja, es gab einige Aufmerksamkeit von Seiten der Zeitungen und Zeitschriften.
Niels: "Nymph" wird von manchem Verleger gelesen. Wir merken das anhand der Aufmerksamkeit, die manchen unserer Autoren zuteil wird, wenn sie zu einem Gespräch eingeladen werden. Nebenbei werden auch unsere literarischen Abende gut besucht.
Martien: Ich möchte noch bemerken, daß wir immer noch erstaunt sind, wie viel man unsere Zeitschrift in Belgien liest. Deutschland hängt diesbezüglich noch ein wenig hinterher. Seltsam.
Vincent: Von der Aufmerksamkeit der Presse und den erfolgreichen literarischen Abenden einmal abgesehen, kriegen wir immer öfter zu hören, daß rennomierte Verleger an unseren Autoren interessiert sind. Zudem erhalten wir zu jeder Nummer unverlangt eingesandte Manuskripte von jungen Talenten.
In Deutschland gibt es lediglich eine Handvoll relevanter Literaturzeitschriften. Wieviele Literaturzeitschriften werden schätzungsweise in den Niederlanden im Moment verlegt? Warum sind es Eurer Meinung nach so viele mehr als z.B. in Deutschland, obwohl hier dreieinhalbmal mehr Menschen leben?
Niels: Keine Ahnung wieviel Literaturzeitschriften es gibt. Aber man sollte bedenken, daß es in den Niederlanden 1.000.000 Menschen gibt, die im weitesten Sinne schriftstellerisch tätig sind. Daß ist eine unglaubliche Anzahl, vor allem wenn man weiß, daß Einhunderttausend davon die Hoffnung hegen, als professioneller Dichter oder Schriftsteller Karriere machen zu können.
Martien: Ich bin schlecht im Schätzen, aber ich würde mal sagen neun. Wieviele gibt es in Deutschland?
Vincent: Meiner Meinung nach gibt es in den Niederlanden im Moment an die 15 bis 20 literarische Zeitschriften.
Sind das größtenteils etablierte Zeitschriften, oder herrscht ein stetiges Kommen und Gehen auf dem Markt?
Janneke: Es erscheinen schon neue Zeitschriften, andererseits verschwinden aber auch immer wieder eine ganze Menge.
Martien: Die "großen", etablierten, ziemlich teuren Zeitschriften (ich schätze, daß das so an die neun Stück sind) existieren in der Regel schon eine ganze Zeit. Die kleineren, völlig unbekannten, nur von Familienmitgliedern und weicheierigen Wanna-be's gelesenen Zeitschriften kommen und gehen wie Jahreszeiten/LPF-Spitzenkandidaten**/verirrte Shoarma-Kuriere/Fußpilz.
Vincent: Die letzten zehn Jahre gab es zwei bis drei neue Zeitschriften, die noch existieren und einer Rolle spielen. Der Großteil existiert seit ein, zwei Jahren, oder auch seit Dekaden.
Aber wieso sind es in den Niederlanden so viele?
Janneke: Ich glaube, daß es wie schon erwähnt für viele Verlage eine Art von Statussymbol ist, eine Literaturzeitschrift zu pflegen und veröffentlichen.
Vincent: Viele Verlage publizieren Literaturzeitschriften, wie sie auch Poesie, Essays und Theaterstücke publizieren: Man weiß, daß es für so etwas kein großes Publikum gibt, aber es verleiht einem Prestige. Es gibt natürlich auch viele junge Leute mit "Idealen", die eine Zeitschrift gründen, vor allem an den verschiedenen Universitäten. Nur wenige dieser Blättchen überdauern die ersten fünf Jahre, aber es gab und gibt sie eigentlich immer.
Gibt es in den Niederlanden eine Strömung, die vergleichbar ist mit der der deutschen Pop-Literatur? Literatur also, die mit ihrer oberflächlichen Eitelkeit und der Abkehr von politischen, philosophischen und übrigen traditionellen Inhalten der Erzählgeschichte ein Abbild der Generation zwischen 16 und 26 zu schaffen versucht?
Janneke: Sofern hier von einer solchen Strömung die Rede gewesen sein kann, ist sie meiner Meinung nach schon wieder passé. Oder nicht?
Niels: Ich denke, daß es in den Niederlanden keine derartige Strömung gibt. Es gab jedoch vor ein paar Jahren eine große Gruppe von allochthonen Debütanten die viel Aufmerksamkeit bekamen. Viele haben aber seit geraumer Zeit nichts mehr von sich hören lassen.
Ich bin aber schon der Meinung, daß das "labeln" von Personen mittels "namedropping" ein nützliches Instrument sein kann, um einem fiktiven Charakter ein Gesicht zu geben. Es ist zum Beispiel - meines Erachtens - ein großer Unterschied wenn man anstelle von "Der Junge trug eine Jeans und ein T-Shirt" schreibt: "Der Junge trug eine Evisu-jeans und ein Paul Smith-Shirt." Das sagt etwas über seinen Typ aus. Wenn ich bestimmte Beschreibungen in einem Buch lese, so möchte ich direkt ein Bild dazu bekommen. Die Benutzung von Elementen der Populärkultur kann dabei eine starke Wirkung entfalten.
Martien: Vielleicht hat der flämische Schriftsteller "Herman Brusselmans" in den achtziger Jahren dermaßen in der niederländischen Literatur gewütet, daß er vielen anderen Schriftstellern damit das Wasser abgegraben hat.
Niels beklagt sich in "Nymph" über das Verlottern der niederländischen Literatur. Ist dies auch erkennbar in der niederländischen Gesellschaft, dem Sprachgebrauch und dem Umgang miteinander? Ich kriege manchmal den Eindruck, wenn ich ab und an die Tageszeitung "De Telegraaf" (niederländische Boulevardzeitung, die Red.) zu lesen kriege. Hat das vielleicht mit einander zu tun?
Janneke: Ich habe nicht das Gefühl, daß die Niederlande verlottern. Ich glaube auch nicht so an Rückschritt, eher an Veränderung. Ich glaube an ups and downs, die leztendlich zum Fortschritt führen. Ich weiß wohl, daß hier in Amsterdam alle Leute immer über Rot radeln und laufen und daß zum Beispiel in Berlin jeder artig an der Ampel stehen bleibt. Einmal, als ich in Berlin war, ging ich bei Rot über die Straße und wurde angehalten. Da hab ich dann erklärt, daß das in den Niederlanden geduldet wird.
Ich denke jedoch nicht, daß diese Einstellung der Niederländer ein Zeichen des Verlotterns ist, wir sehen vielleicht weniger Logik in der Tatsache, vor einer roten Ampel zu warten, während die Straße frei ist, nur weil es eine Regel oder ein Gesetz dafür gibt. Auch die Literatur verlottert nicht wirklich, man kann von Wellenbewegungen sprechen. Aktuell gibt es wenig neue Literatur von großem Wert.
Niels: Verlotterung gibt es zu jeder Zeit und reicht viel weiter als bloß bis zu schlechtes Literatur. Qualität wird jedoch immer eine häßliche, schlechte Kultur überleben.
Ich finde, daß in den Niederlanden in Sachen Literatur wenig erhebendes geschieht. Es swingt einfach nicht genug. Es wäre fantastisch, wenn es in den Niederlanden mehr Schriftsteller mit Charisma und Ausstrahlung geben würde, die auch außerhalb der Gruppe von Lesern Bekanntheit genießen würden. Schriftsteller, die nicht nur als Verfasser von guten Büchern bekannt wären, sondern auch als Kulturphilosophen. Auf diesem Gebiet ist Amerika fortschrittlicher, denke ich. Schriftsteller wie Mark Z. Danielewski und Chuck Palahniuk sind meiner Meinung nach desbezüglich die interssantesten Autoren der letzten zehn Jahre.
Vincent: Meiner Meinung nach sind Danielewski und Palahniuk nicht gerade als Kulturphilosophen bekannt, auch nicht im eigenen Land.
Eine eventuelle "Verlotterung der niederländischen Literatur" betrachte ich gänzlich losgelöst von jeglicher anderer Verlotterung. Ich vermute, daß gerade in wirren, "verlotterten" Zeiten die Literatur aufblühen könnte. Trotzdem finde ich nicht, daß der niederländische Sprachgebrauch verlottert und ich habe zu wenig Einblick um in einem europäischen Rahmen etwas dazu sagen zu können
Glaubt Ihr, daß das kommerzielle Fernsehen eine mögliche Verlotterung fördert?
Janneke: Ich mag das Schundfernsehen ganz gerne. Auch darin steckt eine bestimmte Wahrheit, genau wie in der Literatur.
Niels: Kommerzielles Fernsehen hat wenig damit zu tun. Das Gros der Menschen ist dumm und apathisch. Neunzig Prozent der niederländischen Bevölkerung ist einfach nicht an spannenden, neuen kulturellen Entwicklungen interessiert. Es sei so.
Vincent: Auch hier: Ich glaube, daß das komerzielle Fernsehen komplett losgelöst von einer eventuellen Verlotterung in unserer Philologie steht. Du klingst ein wenig niedergeschlagen im Bezug auf die europäische Gesellschaft als Ganzes. Ich stehe dem viel positiver gegenüber und sehe keine allumfassende Verbände die die Welt zugrunde richten.
In Deutschland genießen niederländischen Autoren wie Mulisch, Nootebom, de Moor etc. große Aufmerksamkeit. Wie sieht es in den Niederlanden mit deutscher Literatur dieses Jahrhunderts aus (irgendwo erwähnt ihr z.B. mal Patrick Süskinds "Das Parfüm")? Gibt es in den Niederlanden Interesse an deutscher Literatur?
Niels: Ich lese fast überhaupt keine deutschen Schriftsteller. Ich weiß nicht woran es liegt, aber ich stoße einfach nicht auf sie und niemand gibt mir den Tipp, wie etwa "den deutschen Autor soundso, den mußt du lesen." Kafka habe ich früher gelesen, und die Philosophen. Faktisch weiß ich sehr wenig über deutsche Literatur der letzten zehn Jahre. Ich spüre seltsamerweise aber auch kein Bedürfnis danach.
Janneke: "Das Parfüm" ist in den Niederlanden sehr bekannt, aber ich kenne perönlich auch nur wenig neue deutsche Schriftsteller. Ich denke, daß sicherlich Interesse besteht, aber persönlich beschäftige ich mich - gerade auch weil ich Niederlandistik studiert habe - mehr mit niederländischer Literatur.
Martien: Keine Ahnung. Ich bin auch nicht auf dem Laufenden in Sachen deutsche Literatur.
Vincent: Um ehrlich zu sein: Es besteht nahezu kein Interesse an deutscher Literatur in den Niederlanden. Übrigens ebenso wenig wie an französischer Literatur. Süskinds Buch war in den Niederlanden ein großer Erfolg, ist aber ja auch schon wieder fast zwanzig Jahre alt. Bis auf Rezensionen der neuen Romane von "Grass" und "Walser" hört man hier selten etwas über deutsche Schriftsteller. Aber ich habe vor einigen Jahren "Crazy" von Benjamin Lebert gelesen. Übrigens glaube ich, daß Niels genauso gut wie ich weiß, daß Kafka kein Deutscher war.
Zu dritt besprecht Ihr in jeder Ausgabe in der Rubrik "Spraakwater" (Brabbelwasser) eine handvoll Neuerscheinungen. Ist dieser Dialog ein authentisches Protokoll oder wird das Ganze im nachhinein gekürzt und optimiert, so daß es an Unterhaltungswert gewinnt? Zum Beispiel besteht Niels Beitrag zur Diskussion über "Braaf Meisje" (Braves Mädchen) von Saskia Profijt fast ausschließlich aus dem Anführen von Textstellen, in denen jemand heult, was in jedem Fall - gewollt oder ungewohnt - gewisse komische Qualitäten besitzt.
Niels: "Spraakwater" wird natürlich angepasst, sobald es von der Kassette aufs Papier wandert. Trotzdem versuchen wir, die Diskussion so authentisch wie möglich festzuhalten. Es ist aber natürlich keine ernstzunehmende Rezensionsrubrik. Es ist eine Parodie auf jegliche Form der Rezension, trotzdem sagen wir unsere Meinung. Wenn einem ein Buch sehr gut gefällt, der Umschlag aber kotzhässlich ist, der Schriftspiegel wüst, dann wiegt das mit. Wenn es zum Lachen anregt: Prima. Wir schonen niemanden und ermutigen uns gegenseitig zu harten Worten.
Vincent: "Spraakwater" ist eine der meistgenannten Rubriken, gerade wegen der Aspekte, die Niels aufgezählt hat. Übrigens wird die Rubrik - nach vier Jahren - mit Beginn des neuen Jahrgangs eingestellt.
Beim Lesen von Nymph, speziell des Editorials, bekommt man den Eindruck, daß Ihr euch als Redaktion, ziemlich "einsam" fühlt, im Bezug auf das Ansehen, welches die Tätigkeit des Schreibens/Verlegens von Literatur, speziell im Umfeld der Generation zwischen zwanzig und dreissig hat?
Janneke: Fühlen wir uns einsam?
Niels: Ich nicht. Ich finde es ganz angenehm Bestandteil einer relativ kleinen Gruppe von Menschen zu sein, die wissen was gut ist. Ich kann nicht sagen, daß ich das Bilden von Eliten verachte.
Martien: Einsam? Ganz im Gegenteil! Amsterdam ist ein warmer Pfuhl von Menschen und Ideen!
Vincent: Einsam würde ich uns auch nicht nennen. Es ist nunmal so, daß die Reichweite sehr beschränkt ist und bleibt, wenn du eine Literaturzeitschrift machst. Du machst es für die Wenigen, aber das stört uns nicht.
Besteht Kontakt zwischen "Nymph" und anderen Literaturzeitschriften?
Janneke: Ja, zum Beispiel in Form eines Tauschabonnements.
Martien: Nicht wirklich, also.
Vincent: Der Kontakt ist nahezu nihil. Wir haben manchmal Kontakt mit Redakteuren anderer Zeitschriften, aber ich muß gestehen, daß ich selbst auch selten andere Literaturzeitschriften lese. Es gibt nur wenige die mich ansprechen, auch weil die Inhalte und die Herangehensweise sich meist völlig von der unsrigen unterscheiden.
Anhand welcher Kriterien werden die Autoren für Nymph ausgesucht?
Niels: Das ist streng geheim.
Martien: Wir suchen keine Autoren, sondern Texte aus - auf Grund von Qualität.
Vincent: Jeder der einen Beitrag einschickt, hat die gleiche Chance. Wir bitten niemand im Voraus um einen Beitrag. Am Ende entscheidet die Redaktion welche Texte in ihren Augen die Besten und Interessantesten sind.
Für welche niederländischen Autoren konnte sich die Redaktion in letzter Zeit begeistern?
Niels: Ich bin Fan von A.F.Th. van der Heijden, aber der hat schon seit Jahren nichts mehr veröffentlicht. Arie Storm hat drei unglaublich geistreiche Bücher verfasst, die leider dem großen Publikum verborgen bleiben werden. Zudem lese ich immer noch mit großem Interesse Herman Brusselmans, obwohl seine besten Bücher doch schon wieder fünf bis zehn Jahre her sind. Aber in letzter Zeit? Nein, es gibt eigentlich nicht einen niederländischen Autor, der einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Traurigerweise.
Martien: Meine Empfehlungen sind Tomas Lieske mit "Franklin", vor allem wegen des Anfangs, und Allard Schröders "De Hydrograaf", vor allem wegen des Anfangs. Aber das sind eher Bücher, die man sich bei lieber ausleiht, als sein sauer verdientes Geld dafür auszugeben.
Vincent: Meine Lieblingsschriftsteller sind tot oder hochbetagt (Reve, Hermans, Brakman, Büch). Für die jüngeren Autoren kann ich mich nur nebensächlich begeistern, meist enttäuschen sie mit dem zweiten oder dritten Buch. Einer der besten niederländischen Romane der letzten Jahre ist meiner Meinung nach "Geheime Kamers" (Geheime Zimmer) des auch schon wieder 62-jährigen Jeroen Brouwers.
Wie lange wird es "Nymph" noch geben, wie lange macht Ihr noch weiter?
Janneke: Ich schätze mal, solange wir das Gefühl haben, daß es wirklich jemanden interessiert.
Niels: Bis wir eine weltweite Dominanz erwirkt haben.
Martien: Bis ich wieder zu einer Mission im Ausland aufgerufen werde.
Vincent: Ich möchte mich Niels anschließen.
Herzlichen Dank für dieses Gespräch.
* Pierre Bourdieu (1930-2002), u.a. Professor am Collège de France, Autor und Herausgeber der "Actes de la recherche en sciences sociales". In seinem bekanntesten Buch "La distinction" (1979) analysiert er, wie das Klassenbewußtsein durch Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen, und Schönheitsideale ausgedrückt und reproduziert wird. Er zeigt auf, wie sich Gruppen auf subtile Weise durch die feinen Unterschiede in Konsum und Gestus von der jeweils niedrigeren Klasse abgrenzen. Mehr Information unter http://www.utu.fi/erill/RUSE/blink.html.
** gemeint ist die Lijst Pim Fortuyn
|