Das Hanebüchlein
Geschichten mit Hängen und Würgen
Helden wie wirÜber einen Roman von Thomas BrussigWolf Biermann ist kein preußischer Ikarus, sondern lediglich ein Troubadix. Er singt schrecklich, ist über die Maßen von sich eingenommen und wird immer an den Baum gebunden, wenn sich die Barbaren zum Festmahl treffen. Oder was glauben Sie, wozu die CSU einen Biermann braucht? Na ja, aber das sagt doch schon der Name, höre ich da. Na gut, aber danach wird er wieder festgebunden. Und geknebelt. Aber ein Mal, "nur ein einziges Mal" (Asterix und...) hatte er doch recht, der Wolf-Troubadix Biermann. Und zwar als er im SPIEGEL den Roman "Helden wie wir" empfahl, syntaktisch fragwürdig zwar, aber ansonsten völlig zu recht: "Ich empfehle es ihnen - das Buch - es ist ein herzerfrischendes Gelächter." Der Verfasser dieses "herzerfrischenden Gelächters", Thomas Brussig, ist mittlerweile auch wegen des saukomischen, aber lange nicht so brillanten Buches "Am anderen Ende der Sonnenallee" als humoristischer Reichsverweser Ost, als Roda Roda eines untergegangenen Kleinimperiums an den Pforten des Satirikerolymps registriert worden. "Der Einlaßvorgang ist anhängig." würde Brussigs Stasivorgesetzte Oberstleutnant Euler wohlmöglich vermelden, wenn es im fraglichen Olymp ein Eckchen für sogenannte Realsatiriker gäbe, was ich allerdings bezweifele. Brussig schildert in "Helden wie wir" den Werdegang eines Neurotikers als Lebensbeichte. Ein armes Würstchen, mürbe gemacht und verkorkst durch zahlreiche monströse Figuren, die alle mit einer Inbrunst und Liebe zum widerwärtigen Detail geschildert werden, daß einem Hören und Sehen vergeht. Nur nicht das Lesen. Da ist zunächst einmal, als wichtigster und komischster Dämon, die unausweichliche, entsetzliche Mutter: Lucie Uhltzscht, die "Hygienegöttin". "Merkst du nichts? fragte sie erneut, hob die Nase und schnüffelte ein paar Mal Luft ein. "Es schnuppert!" Nie wieder gab ich meiner Mutter die Gelegenheit, meine Scheiße zu reklamieren - aber zu welchem Preis. Wie soll man ein Mann werden, wenn man sich sogar seiner selbstgekackten Scheiße schämen muß." Zusammen mit ihrem stockdummen Staatssicherheitsbeamten von einem Ehemann, dessen erwähnenswerteste Eigenschaft das Fußbad ist, verdreht die Hygieneinspekteurin ihren Sohn Klaus zu einem Wesen, daß keine Spielpartner beim Frisbee zuläßt, denen der Plural von "Kompaß","Lexikon" und "Atlas" nicht geläufig ist. Und so geht seine Jugend dahin. Beim ersten Geschlechtsverkehr seines Lebens holt sich der Stasianwärter Klaus Uhltzscht einen Tripper. Was als Befreiungsschlag gegen seinen verklemmten Eltern hätte gelingen können, endet in erneuter Demütigung. Sexuell frustriert und geltungsbedürftig landet Klaus Uhltzscht schließlich bei der Staatssicherheit. Zumindest vermutet er das. "Als ich schließlich in diese Organisation eintrat, von der ich vermutete, daß es sich um die Stasi handelte, blieb die Situation weiterhin ungeklärt. Die allgemeine Floskel war jene, die schon Herr Schnürsenkel benutzte: Sie wissen doch, wo Sie jetzt sind. ... Ich hätte es ungemein beruhigend gefunden, wenn einer nur ein einziges Mal erwähnt hätte, daß ich bei der Stasi bin. Nur um der Gewißheit willen."
Irgendwann fällt die Mauer und Klaus Uhltzscht ist schuld.
Ich mag das Buch nicht nacherzählen, wozu auch. Es soll ja schließlich gelesen werden. Und zwar von möglichst vielen.
Die schönsten, besten und erschreckendste Stellen sind übrigens nicht die, wie man vielleicht meinen sollte, die explizit zonenrelevante Themen wie Stasigrößen oder Zentralstellen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten präsentieren, sondern die minutiösen Schilderungen jener endlosen Kette von alltäglichen Demütigungen, Lügen und Halbwahrheiten, mit denen die Umwelt ("das System") dem heranwachsenden Klaus die Geistesschärfe nimmt, ihn seiner Urteilsfähigkeit beraubt und ihn als völlig hilflose, sexualneurotische Dumpfbacke genau da hin stellt, wo sie ihn braucht. Als lebende Blutkonserve für Honecker und als unwesentlichen Chronisten alltäglicher Dissidententätigkeiten.
Besonders detailliert und somit geradezu quälend beschrieben sind jene Blessuren und Deformationen, die den jungen Uhltzscht schon in seinem Elternhaus heimsuchen, der endlose und unwürdige Tanz des Hast-Du-wieder-daran-rumgespielt, mit dem seine Mutter Lucie den aufkeimenden Sexualtrieb ihres Sohnes in pathologische Bahnen zu lenken weiß, und stille Zurückweisung durch den Vater, der Klaus zu entgehen sucht, indem er die pedantischen Vorgaben seiner Mutter zu erfüllen sucht. "Der Gedanke an meine Eltern veranlaßte mich, die Vergewaltigung abzubrechen. Was für ein wohlgeratener Sohn ich doch war. 'Mama, Papa, letzte Woche war ich gerade mitten in einer Vergewaltigung, aber als mit einfiel, wie sehr ihr das mißbilligt, habe ich sofort zu vergewaltigen aufgehört.'""Ein herzerfrischendes Gelächter", findet Wolf-Troubadix. Klaus Uhltzscht ist mit Sicherheit einer der unsympathischsten Helden, die je eine Gesellschaftssatire aufzubieten verstanden hat; vom grandios-monströsen Dietrich Häßling Heinrich Manns trennt ihn nur die bittere und verspätete Einsicht, die ihn sein obsolet gewordenes DDR-Leben in zynischer Rückschau dem amerikanischen Journalisten Kitzelstein erzählen läßt. In diesem konstruierten Zustand wendebedingter Hellsicht gelingt dem Autor einiges an großen und wahren Worten, etwa wenn er Uhltzscht die Volksmassen beschreiben läßt, die "ein paar Dutzend Grenzsoldaten" im Herbst neunundachtzig "artig und gehemmt" gegenüberstanden: "So kannte ich sie, so brav und häschenhaft und auf Verlierer programmiert, und irgendwie hatte ich Mitleid mit ihnen, denn ich war einer von ihnen. Ich war einer von ihnen. Ein Volk, das sich von einer LKW-Pritsche herab die Befreiung der Sprache als revolutionäre Errungenschaft preisen läßt, ein Volk, das mit dem Hinweis aufgemuntert wird, daß es mit behördlicher Genehmigung protestiert, ein Volk, das ratlos vor ein paar Grenzsoldaten stehenbleibt, ein solches Volk hat einen zu kleinen Pimmel - in diesen Dingen kenne ich mich aus." |
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