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Das Hanebüchlein
Geschichten mit Hängen und Würgen

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Remco Campert - Eine Liebe in Paris Arche Verlag 2005, 160 S., 17,00 Euro

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Mark Haddon - Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone Goldmann TB, 2005, 288 S., 8,95 €

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Sam Shepard - Rolling Thunder. Unterwegs mit Bob Dylan (Erweiterte und neu übersetzte Ausgabe) Fischer, September 2005, 190 S., 19,190 Euro

Von Mona Grosche


Erinnern und Vergessen
Der niederländische Schriftsteller Richard Sanders, kommt nach Paris, um dort sein ins Französische übersetzte Buch ›Die Kunst des Vergessens‹ auf der Vernissage eines alten Freundes, dem Maler Tovèr, vorzustellen. Gemeinsam mit ihm war er in seiner Jugend nach Paris aufgebrochen, um das wilde, freie Künstlerleben zu suchen. Sein Weggefährte von einst ist mittlerweile eine kosmopolitische Berühmtheit geworden, während Richard in die gemeinsame Heimat zurückging, heiratete und fortan ein eher mittelmäßiges Leben als Autor führte. Kaum in Paris angekommen, bringen ihn die Ereignisse dort aus dem gewohnten Tritt: Richard begegnet auf der Straße einer Frau, an die er sich partout nicht erinnern kann, der er aber offensichtlich sehr vertraut ist. Und auch die Begegnung mit Tovèr und den Vertretern der Pariser Literatur- und Kunstszene verläuft ernüchternd, so dass er vorzieht, auf langen Streifzügen die Stadt zu erkunden. Doch er erforscht nicht nur ›sein‹ Paris. Auch die Erinnerungen und Erfahrungen seines Lebens unterzieht er dabei einer kritischen Bestandsaufnahme, bevor sich ihm am Ende des Romans das Rätsel um die geheimnisvolle Frau enthüllt… Remco Campert ist der deutschen Leserschaft kaum ein Begriff, dabei gehört er in den Niederlanden mit seinem Werk längst zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren. Das zu ändern, ist nun der Arche-Verlag angetreten, der Camperts neuesten Roman 2005 auf Deutsch vorlegte. ›Eine Liebe in Paris‹ ist mit seinen 160 Seiten ein eher kurzer Roman. Und nicht nur beim Umfang fehlt alles Bombastische, Ausufernde. Auch der Text selbst wirkt auf den ersten Blick eher unspektakulär. Jedoch gerade die einfache Sprache mit ihrer leisen Ironie, die präzise beschreibt, wie der Protagonist die hochfliegenden künstlerischen Träume seiner Jugend, seine Beziehungen zu Frauen und das Verhältnis zu seinem besten Freund in ihrer realen Dürftigkeit demontiert, macht es zu einer hintergründigen Lektüre über die Sehnsucht, das Erinnern und das Vergessen an sich…


Tragikomisch und fesselnd
» Who on Earth is going to want to read about a fifteen-year-old kid with a disability living in Swindon with his father?«, grübelte Autor Mark Haddon beim Schreiben des Romans ›The curious incident of the dog in the night-time‹ und ermahnte sich »I better make the plot good.« – Herausgekommen ist mehr als nur ein guter Plot, nämlich eines der ungewöhnlichsten und faszinierendsten Romandebuts der letzten Jahre. Und es lohnt sich, das Buch im englischen Original zu lesen! Denn hierbei geht es nicht nur um eine »murder mystery novel«, wie uns Christopher Boone, Erzähler und Protagonist zugleich, ankündigt, vielmehr geht es um eine Innensicht in Christophers Welt, die man mit Fug und Recht als ›curious‹ bezeichnen kann. Christophers Leben ist durch das Asperger Syndrom, einer besonderen Form des Autismus, geprägt. Für ihn ist die Welt ein chaotischer, wüster Ort, der ihm groß, laut und bedrohlich erscheint. Vor allem emotionale Kommunikation, die Deutung von Mimik und Gestik, der Austausch von Berührungen und Blicken sind für Christopher ein Buch mit sieben Siegeln, auch wenn Siobhan, seine Lehrerin, mit ihm die Nuancen menschlicher Beziehungen zu ergründen versucht. Sicher fühlt sich Christopher allein im Bereich der Fakten, vor allem bei mathematischen Formeln und Primzahlen. So fiebert er gerade der Prüfung für das A-Level in Mathe entgegen, als er eines Nachts Wellington, den Pudel der Nachbarin Mrs. Shears, ermordet in ihrem Vorgarten findet und beschließt, den Täter zu finden. Doch seine Recherchen zum Hundemord haben ungeahnte Folgen: Nicht nur, dass ihm sein Vater das Detektivspiel auf das Strengste verbietet, auch neue, verwirrende Erkenntnisse zu seiner totgeglaubten Mutter tauchen auf. Schließlich fällt sein scheinbar fest gefügter, Mikrokosmos wie ein Kartenhaus in sich zusammen, so dass er sich zu ungewöhnlichen Schritten gezwungen sieht, um sein Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

Mark Haddon: The curious incident of the dog in the night-time Vintage 2004, 224 S. 10,95 €



Der Weg ist das Ziel
›Rolling Thunder Revue‹ nannte Bob Dylan seine legendäre Comeback-Tournee 1975, bei der er mit drei Bussen voller künstlerischer FreundInnen und Roadies quer durch die amerikanische Provinz zog und als krönenden Abschluss den Madison Square Garden in New York mit einem fulminanten Konzert zum Kochen brachte. Eigentlich sollte der spätere Pulitzer-Preisträger Sam Shepard nur das Drehbuch zum Film über das Gesamtkunstwerk ›Rolling Thunder Revue‹ schreiben (der Film entstand Jahre später unter dem Titel ›Renaldo und Clara‹). Doch Shepards Aufzeichnungen wurden zu einem eigenständigen, sehr persönlichen, literarischen Roadmovie. In beeindruckenden Textfragmenten und Fotos wird nicht nur ein Stück Musikgeschichte erzählt, in ihnen meldet sich das Lebensgefühl des Aufbruchs, des Freiheitswillens und des Glaubens an die eigene schöpferische Kraft, zurück, das die 60er und 70er Jahre ausmachte. Da finden wir Bob Dylan zusammen mit Mohammad Ali, die den schwarzen Boxer ›Hurricane‹ Carter gemeinsam aus dem Gefängnis holten; Allen Ginsberg, der Gedichte am Grab Jack Kerouacs rezitiert; Joni Mitchell, Roger McGuinn, und Dylan beim musikalischen Dialog in irgendeinem Hinterzimmer – und immer wieder den magischen Songschreiber auf der Bühne, kryptisch, fragil und einzigartig. Ein wunderschönes Buch nicht nur für Dylan- und Shepard-Fans.

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