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Das Hanebüchlein
Geschichten mit Hängen und Würgen

Textsammlung "Liebesgeschwüre"

· Kalupke
· Fliegende Fische
· Wachliegen
· Unverhoffte Überraschung
· Alternative zum Erwachsenwerden
· Spass
· Das Lächeln
· Paula
· Gesichtspflege
· Öl in den Adern
· "Schach", sagte Gustav
· Eliza
· In der Zwischenzeit
· Avignon
· Verhandlungssache
· Tanke für diesen Abend
· Tanja, Perfect Day
· Das Haus

Kalupke, Prince of Darkness

von Christian Bartel
Kalupke steht auf, klopft ans Glas, nimmt noch einen Kurzen auf Willi und alle denken: schön, jetzt ne lustige Rede vom Kalupke, hätte der Willi auch sein Spass dran gehabt. Der Willi. Hat ja gut gekonnt mit dem Kalupke. Nee, hat der Willi immer gesagt, laßt mir den Kalupke in Ruhe, der ist schon richtig. Der Teufel weiß warum. Kalupke jedenfalls hoch die Tasse, räuspert sich und dann diese Rede ... [weiter]


Wie die fliegenden Fische entstanden sind

von Florian Müller
Es war einmal vor langer, langer Zeit, also diesmal wirklich vor sehr langer Zeit, vor so langer Zeit, da hingen wir Menschen noch in den Bäumen und hingen ausschließlich den Gedanken der Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme nach. Schaut man sich allerdings mal um, so ist es bei manchem gar nicht so lange her, höchstens ein paar Stunden. Doch diese Geschichte ist wirklich lange her und spielt im Wasser. Menschen gab es also nicht, das Wasser war noch sauber, Öl war da, wo es hingehört, irgendwo unter der Erde und Sportfischer waren auch noch nicht fertig. ... [weiter]


Wachliegen

von Anselm Neft
Jetzt ist sie wach. Der Traum hat sie mit einem Ruck entlassen und jeder Muskel in ihrem Körper ist angespannt. Mit einem Zittern lockert sie sich, als ihr klar wird, dass sie nicht mit dem Auto in eine tiefe Schlucht stürzen wird, dass sie gar nicht in einem Auto sitzt, und dass Robert nicht wieder und wieder vom Beifahrersitz aus in das Lenkrad greift, bis die Räder plötzlich keinen Halt mehr auf der Straße finden, über dem Abgrund drehen und schließlich der ganze Wagen vornüber kippt in die gähnende Tiefe. ... [weiter]


Unverhoffte Überraschung

von Simon Meyers
David spürte, wie jemand hinter ihm die Tür öffnete. „Darf ich reinkommen?". In der Fenster-scheibe seines Arbeitszimmers spiegelte sich vor dem Hintergrund der schwarzen Nacht die Silhouette Judiths. Ohne sich umzudrehen, lächelte er sie an. Langsam legte sie ihre Hände auf seine knochigen Schultern, er lehnte seinen Hinterkopf an ihren Bauch. David starrte auf ihr Spiegelbild. ... [weiter]


Alternative zum Erwachsenwerden

von Christopher T. Kloeble
Folgende Ereignisse mögen so aufgetreten sein, wie sie hier beschrieben werden. Dennoch werden damit keine spezifischen Personen oder Vorkommnisse kritisiert, alles reine Fiktion. Es ist die kurze Reise einer bedauernswerten Gestalt, etwas Sie, etwas ich, die sich dem Alltag stellen muss. ... [weiter]


Spass

von Jörg Liesegang
Das Kichern aus der Sprechanlage war peinlich. Stille. Endlich summte der Schließmechanismus der Tür und Tom konnte hinein. Dritter Stock links, bei Familie Bringgs. Oben war schon die Tür geöffnet worden, Tom hatte im Treppenhaus den Lichtschalter nicht gefunden und dann machte auch schon jemand oben das Licht an. "Hier sind wir." ... [weiter]


Das Lächeln

von Christian Bartel
Sie alle, Frauen und Männer, trugen ein verwunschenes, wissendes Lächeln im Gesicht, wie entrückte Buddhafiguren vielleicht oder die rätselhaften steinernen Könige der Khmer. ... [weiter]


Paula

von Jörg Liesegang
Ich schreibe diese Geschichte für dich. Weil du sie irgendwann treffen wirst. Weil du sie sehen wirst genau wie ich, zum ersten Mal. Und du wirst Gedanken haben wie, die ist schön, ihre Augen sind so offen, ihr Mund so leicht beim Lachen. Wirst dich fragen, wer ist sie bloß? Und du, du kannst sie dann fragen. Und sie wird dir wahrscheinlich antworten. Mit einem Augenaufschlag. Paula. Paula heiße ich. Bin neu hier. Und du? Wie heißt du? ... [weiter]


Gesichtspflege

von Klaas Tigchelaar
Die Häuserfronten und Leuchtreklamen rauschten vorbei, ein farbenfrohes Kaleidoskop, daß sich in Schlieren aus der Schwärze der Nacht hervortat. Hin und wieder mußte ich meinen Blick vom Fenster abwenden, wenn sich ein leichtes Schwindelgefühl regte und ich kurzzeitig benommen gegen das kalte Glas der Autoscheibe zu kippen drohte. Aus den Lautsprechern in den Fronttüren erklang dezenter Radiopop, nur gelegentlich von einer quäkig säuselnden Frauenstimme ... [weiter]


Öl in den Adern

von Bert Himmelstedt Jr.
Es ging darum eine möglichst gute Show zu liefern. Im Leben geht es immer darum eine gute Show zu liefern, ob man nun sein wahres Gesicht zeigt oder nicht. Mit einer guten Show erntet man Anerkennung und Respekt. Man sät sogar etwas Glauben.
Sie betraten die Bühne. Vor so einer Masse von Menschen hatten sie noch nie gespielt. Feuchte Handflächen wurden flüchtig am Hosenboden abgewischt. Für Nervosität war keine Zeit. Auf die Show kommt es an!! ... [weiter]


"Schach", sagte Gustav

von W. Fienhold
Es war an einem jener sonnigen Sommermorgen, meine Frau und ich saßen beim Frühstück und besprachen das Mittagessen. Wir reden bei jeder Mahlzeit über die nächste, so kommen wir noch ohne Weiteres über den deutschen Gesprächsdurchschnitt von 4 Minuten pro Tag für ein 8 Jahre lang verheiratetes Paar. Fast hätten wir das Klopfen an der Verandatür überhört und erst als wir uns über das Dessert einig waren, ging ich, um zu öffnen.
Es war Windy, wir sahen sie an diesem Tag zum ersten Mal, doch sie hatte keine Hemmungen sich an unseren Tisch zusetzen und mitzuessen.
Windy war nicht sehr gesprächig, uns war's egal. ... [weiter]


Eliza

von Christian Bartel
Ich sah, wie sie langsam kleiner wurde und schließlich ganz verschwand Ich sah, wie ihr Gesicht im brackigen Wasser versank, wie der Wasserspiegel an ihrem blanken Alabastergesicht emporkletterte, wie sie ohne Eile und ohne übermäßige Bewegung des Wassers vom See verschlungen wurde. Vorsichtig hatte ich sie auf die leicht gekräuselte Oberfläche gesetzt. Sie war nicht sehr schwer, auch wenn ihr Gewicht durch einige Steine beschwert war. Ich hatte ihr Gesicht freigemacht und die Plastikplane, die mit Stricken an ihrem Körper festgezurrt war ... [weiter]


In der Zwischenzeit

von Klaas Tigchelaar
Wir wußten schon lange nicht mehr was wir taten. Ali, Muzaffer und ich, ein albernes Reservebankteam, dem die Stadt zu klein und die Welt zu groß war. Wir waren auf der Suche nach irgendwas. Vor allem natürlich Bier und Frauen, denn um die Uhrzeit reduzierten sich die Gesprächsthemen in beträchtlicher Geschwindigkeit. Wir wussten, daß wir armselig waren, aber das war den restlichen Nachtschwärmern um diese Uhrzeit bestimmt auch mehr als einmal durch den Kopf gegangen ... [weiter]


Avignon

von Christian Bartel
Wir saßen zu viert im Auto, auf dem Weg nach Südfrankreich und langsam begannen wir uns zu hassen. Unbewegt und schwitzend klebten wir in unseren Sitzen. Fast wünschten wir uns die ständigen Streitereien zurück, die uns die letzten Tage begleitet hatten. Geradezu paradiesisch erschienen sie uns im Gegensatz zu dieser Zwangsjacke heimtückischen Schweigens, in die wir uns ... [weiter]


Verhandlungssache

von Christian Bartel
Die große Cappucinomaschine fauchte dumpf und verschlagen, als meine Freundin mit mir Schluß machte. Ich verschüttete meinen Tee, verhielt mich aber sonst ruhig. Wilson Pickett sang.
Die Katze war aus dem Sack.
Ich hatte nichts anderes erwartet. Schon die Verabredung auf dem neutralen Terrain eines schlecht besuchten Cafés ließ nichts anderes erwarten. ... [weiter]


Tanke für diesen Abend

von Christian Bartel
Es war schon recht spät, zwei Uhr durch, aber die Party lief eigentlich erst an. Erst wenige Gäste waren nach Hause gegangen, alle übrigen hatten erst jetzt jenen Zustand euphorischer Abgeklärtheit erreicht, der es ermöglicht, viele Stunden lang ohne die geringsten Anzeichen von Langeweile immer dieselben Geschichten von denselben Leuten zu hören. Oder sie tanzten in seinem winzigen Wohnzimmer oder versuchten zum hundertzehnten Mal irgendwen anzugraben. ... [weiter]


Tanja, Perfect Day

von Christian Bartel
In der Tat ist es so, daß wir uns auf einer Beerdigung kennengelernt haben. Daß sie Tanja hieß, wußte ich allerdings schon. Ich glaube sogar, daß sie auch meinen Namen kannte. Ich hatte sie in den vergangenen Jahren einige Male flüchtig gesehen, zumeist in Gesellschaft anderer. Aber aus Mangel an Gelegenheit und einer heute völlig unerklärlichen Achtlosigkeit wegen, hatten wir uns noch nicht soweit vorgewagt ... [weiter]


Das Haus

von Bert Himmelstedt Jr.
Das Haus. Weiße Fassade. Blaßgraue Ecksteine, Fenstersimse, Giebel. Selbstlose Erker als zusätzliche Zierde. Zwei Ecktürme mit moscheeartigen Dächern, ohne Wetterhahn versteht sich. Gekrönt von einem stolzen, mit Blechplatten beschlagenem Dachaufbau. Kein simpler Dachstuhl ... ein Dachthron! Heller, majestätischer, lichtloser Glanz. Das Haus. Die Fenster, als Fenster zur Seele, gewähren Einblick in das Innenleben ... [weiter]


Das Hanebüchlein - (www.hanebuechlein.de) - Kontakt: Commodore Nutt (nutt@hanebuechlein.de)
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